Der Mord, der keiner sein durfte


Der Wecker läutete schrill und unnachgiebig, und Sandra fuhr hoch, sah auf die Uhr um zu sehen , wie spät es war und seufzte. Es war schon sieben, sie mußte wohl aufstehen, einen Moment lang , war sie versucht, sich einfach wieder umzudrehen, um weiter zu schlafen, aber das ging ja nicht, sie mußte unbedingt in die Redaktion, mit Hans , ihrem Kollegen reden, da sie vorhatte, eine ganze Reihe von Artikeln, zu schreiben, über Morde, die ihn Wien noch nicht gelöst waren, und er hatte ihr gestern versprochen , ihr zu helfen, einen Kontakt zum Leiter der Kripo für sie herzustellen.
Widerwillig stieg sie aus dem Bett, und sah aus dem Fenster: Alles grau in grau, auch das noch... Sie ging in die Küche und stellte sich ihren Kaffee zu. Clio, ihre Katze gesellte sich zu ihr, sie sah dreckig aus, wahrscheinlich war sie schon wieder die ganze Nacht herumgestreunt! Und da kam auch Justus, ihr bretonischer Spaniel und lief zur Gartentüre in Erwartung, daß sie ihm diese öffne, was sie auch sofort tat. Sandra liebte diese Ruhe in der Früh. Es war für sie der einzige Moment im Tag, wo sie alleine war, und sich ein bißchen um sich selbst kümmern konnte. Sie genoß ihren Kaffee, ließ ihre Gedanken herumschweifen, schrieb manchmal in ihr Tagebuch, einfach, um sich wieder zu sammeln. Das brauchte sie, und wenn sie diese halbe Stunde aus irgend einem Grund nach dem Aufwachen nicht hatte, war sie eigentlich den ganzen Tag mürrisch und verdrießlich. Das wußte schon jeder, in ihrer Umgebung, das war immer schon so gewesen, auch wie sie noch verheiratet gewesen war, ihren Mann hatte es nicht gestört, und sogar ihr Sohn Thomas hatte sich dem angepaßt. Der schlief noch, war gestern wieder einmal sehr spät nach Hause gekommen, und sie fragte sich einmal mehr, ob sie nicht strenger mit ihm umgehen sollte, er lernte einfach zu wenig! Na ja, erst mal abwarten, was dieses erste Semester an der Technischen Universität bringen würde. Ein bißchen Vertrauen mußte sie ihm schon entgegen bringen! Komisch fand sie es schon, daß er sich ausgerechnet für Maschinenbau interessierte, daß er sein Medizinstudium sofort abgebrochen hatte, das hatte ihm schon ein Studienjahr gekostet, aber sie mußte auch einsehen, daß es nicht einfach für die heutige Jugend war, sich einen Beruf auszusuchen, bei der Arbeitslosigkeit! So aber jetzt mußte sie sich beeilen, duschen, sich anziehen, Hans würde nicht ewig auf sie warten !
Sie rief den Hund herein, der bereitwilligst angetrottet kam, man sah ihm schon sein hohes Alter an, aber er war immer lustig und gut aufgelegt. Sie blieb ein bißchen draußen, um zu spüren, wie die Luft heute war, wahrscheinlich würde es zu Mittag wieder etwas wärmer werden, schließlich ging der Winter bald seinem Ende zu. Sie stellte ihre Kaffeetasse in den Geschirrspüler, wusch die Kaffeekanne ab, holte sich eine frisch Jeans und einen Pulli aus dem Schrank, ging ins Bad und sah sich in den Spiegel. Wie üblich waren ihre schwarzen, kurz gelockten Haare durcheinander, und ihre grünen Augen schauten sie verschlafen an. Na toll sah sie wieder aus, als hätte sie die letzten drei Nächte durchgezecht! Auch egal dachte sie, Hans kennt mich ohnehin, und der Kripoleiter war ihr eigentlich schnurz egal. Nachdem sie in der Küche einen Zettel für Thomas hinterlassen hatte, um ihm mitzuteilen daß sie ungefähr um fünf Uhr zu Hause sein würde, Hund und Katz ihre Streicheleinheiten bekommen hatten, ging sie über den Keller in die Garage und fuhr in die Stadt. Der Verkehr war zäh, aber auszuhalten. Sie fuhr über die Höhenstraße, da war weniger los, und sie freute sich über das Treffen mit diesem Kripo Menschen. Wie der wohl sei? Sicherlich ein beinharter Typ, von der Sorte ,die sie nicht ausstehen konnte, und überhaupt, er war Polizist, das besagte schon Alles! Sie dürfe auch nicht vergessen, zu Mittag bei ihren Eltern vorbei zu schauen, wenn es ihr irgendwie ausging, sie wurden langsam alt, und hatten den Tod ihrer jüngsten Schwester, eigentlich nie überwunden. Manchmal fragte sie sich , ob das überhaupt möglich war, es tat zwar weniger weh, aber vergessen, würde sie es nie...Vom verstehen ganz zu schweigen. Sie fuhr langsam auf ihre Garage zu, und war wie jedesmal, wenn sie in die Stadt kam, heilfroh darüber, nicht erst einmal eine halbe Stunde in der Gegend herum zu kurven, um einen Parkplatz zu ergattern. Zum Büro war es nicht mehr weit, aber da war sie ohnehin selten, da sie das meiste von zu Hause per Computer schickte. Aber heute da mußte sie eben mit Hans zur Polizei gehen, und sie hatten vereinbart, daß sie ihn abholen würde, denn der Chef wollte noch vorher mit ihnen beiden reden. Das gefiel ihr wieder weniger, denn er schüchterte sie immer wieder ein. Und diese Serie schien ihm nun wirklich am Herzen zu liegen.
Unentschlossen stand sie vor der verschlossen Tür , das Allerheiligste in diesem Gebäude, als Sie einen Klaps auf ihrer Schulter spürte.
„Hallo ! Sandra! Toll siehst du aus! Wie machst du das bloß?„
„ Servus Hans! Wie geht es dir? Ich bin hundsmüde und schaue wirklich nicht gut aus, du alter Schmeichler! Schaust auch gut aus, wie geht es Angela? Und den Kindern?„
„Gut, danke, alles bestens, viel zu tun halt, wie wir alle, aber das hat mich ja noch nie gestört, und ich muß dir sagen, ich bin gespannt, wie wir diese Serie aufziehen sollen, der Alte scheint ja außer Rand und Band zu sein, daß es viel zu viele ungeklärte Kriminalfälle in Wien gibt, und seit diesen Briefbomben meint er, können die Mörder überhaupt tun und lassen, was sie wollen! So aufgebracht, habe ich ihn noch nie gesehen, ob das wohl wegen dem Tod vom Kayser ist, der vor ein paar Tagen gestorben ist?„
„Wieso? Was hat er damit zu tun?„
„Eigentlich nichts, aber sie waren ja fast Nachbarn, er versteht eigentlich nicht warum der so plötzlich starb, außerdem kannte er seine Frau und Töchter recht gut, da letztere mit seiner Tochter befreundet war. Hast du denn nicht gehört, daß er gestorben ist? Es war in allen Medien.„
„Na ja, in den letzten Tagen war ich nur zu Hause und habe weder Radio gehört, noch Zeitung gelesen, ich hatte Besuch aus Frankreich, weißt du, und da wollte ich ganz abschalten. Na das ist ein Ding! Der Kayser ist gestorben, das stimmt mich irgendwie fast froh! Er war gemein, hat seine Leute ausgebeutet, und privat war er eigentlich das Letzte überhaupt!„
„Woher willst du das wieder wissen?„
„ Ich habe zwei Freundinnen , die mit ihm liiert waren„.
„Aha! Und das reicht dir, um jemanden ab zu urteilen?„
„Sehr wohl, der Herr hat immer auf heile Welt gespielt, dahinter war nichts, als Angst sein Image zu verlieren! Aber ich verstehe immer noch nicht warum das unseren Alten so aufregt.„
„Vielleicht bloß, weil er im selben Alter ist, und da wird er wohl nachdenklich geworden sein, wie lange er noch zu leben hat.„
„Nein! Das denke ich nicht; er ist nicht so ein Typ, der jede schlechte Nachricht auf sich bezieht, da muß es noch was anderes geben „
„Vielleicht. Komm, wir gehen jetzt zu ihm, du weißt, er wartet nicht gerne.„
Das Büro in das sie traten war sehr geräumig; eigentlich waren es zwei Zimmer, die mit viel Geschmack eingerichtet wurden: im ersten waren ein paar riesige Lederfauteuils um einen Tisch versammelt, in einer Ecke eine Bar und eine kleine Küche. An den Wänden hingen einige moderne Bilder . Eine Schiebetür führte in den zweiten Raum in dessen Mitte sich ein riesiger Schreibtisch befand auf dem sich die Akten tummelten. Alle Wände waren voll mit Büchern.
Hinter dem Schreibtisch saß ein älterer Herr mit graumeliertem Haar, eine dicke Lesebrille auf der Nase, der genüßlich eine Zigarre rauchte, zur Decke starrte und tief in seinen Gedanken versunken schien. Er zuckte förmlich zusammen, als Hans und Sandra in gleichzeitig begrüßten , erwiderte freundlich und kam sogleich auf sein Anliegen zu sprechen. Wie Hans es sich schon gedacht hatte, ging es um das Ableben von Herrn Kayser. Das gefiel dem Chef überhaupt nicht, irgend etwas stimme da nicht, ob Hans nicht ein paar Nachforschungen machen könnte, so ganz nebenbei und ohne viel Aufwand, so daß keiner merkte , daß er eigentlich ermittelte? Tja meinte Hans, das könne er schon, aber warum? Weil er ermordet wurde, da war sich der Chef ganz sicher! Nur offiziell könne man nichts machen, der Totenschein war auf Herzversagen ausgestellt und anscheinend hatte da auch niemand einen Zweifel gehegt; er tue aber dies schon... Er könne es zwar nicht erklären, aber er hatte da so ein Gefühl im Magen, daß da etwas ganz ganz faul war... Und Sandra könne da ja mitmachen, unter der Voraussetzung, daß sie nichts veröffentlichte, bevor er es ihr erlaubte. Sie sprachen noch einige Minuten lang, dann gingen Sandra und Hans wieder hinunter auf die Straße, etwas verwirrt, denn diese Bitte vom Chef war außerordentlich ungewöhnlich; er war ein Pragmatiker, das Wort Gefühl nahm er nur sehr selten in den Mund...

_" Sag mal Hans, was ist denn in deinen Chef gefahren?"
_" Ich weiß es nicht, das ganze ist höchst seltsam!"
_ "Nun, ich kann Dir vielleicht wirklich helfen, wie gesagt ich habe zwei gute Freundinnen, die eine Affäre mit ihm hatten, ich glaube die Anna hat mir mal gesagt, daß er bei irgend einer katholischen Sekte dabei war, Opusdei glaubte sie."
_ "Das hat aber damit nichts zu tun, zumindest glaube ich das nicht; wenn dann eher eine Eifersuchtsgeschichte oder sowas ähnliches.. Kannst du sie bitte mal fragen, wie das war, als sie mit ihm liiert war?"
_"Kein Problem, das schaff' ich mit links! Aber jetzt muß ich wieder nach Hause und recherchieren, ich suche alle alten Artikel heraus, die je über Kayser geschrieben wurden und melde mich dann bei Dir? Gehst du eigentlich zu seiner Frau?"
_" Im Moment kann ich nicht, ich habe absolut nichts in der Hand, was auf Mord schließen könnte, ich muß erst einmal was finden, tu ich das, dann schon und da würde ich Dich mitnehmen! Wenn du etwas herausfindest natürlich auch! So long Sandra, wir reden noch miteinander!"
_"Ciao Hans, bis später!"
Sie wollte ihm noch zurufen, er solle den Termin bei der Kripo nicht vergessen, doch es war zu spät, Hans war schon um die Ecke gebogen und verschwunden.
Macht nichts dachte sie, ich ruf ihn halt an, sobald ich von meinen Eltern zurück bin.


*****

Ein paar Tage waren vergangen. Mittlerweile hatte Sandra ziemlich viel herausgefunden: Kayser war wirklich kein angenehmer Zeitgenosse, obwohl er das hervorragend kaschierte: dem Anschein nach, war er der liebende Familienvater, seine Frau organisierte unzählige Wohlfahrtsveranstaltungen, die er mit finanzierte. Er hatte einen 17jährigen Sohn, zwei Töchter, die ältere war 19, die jüngere 15. Über die Kinder wußte die Öffentlichkeit wenig, Kayser schirmte sie ab. Doch es wurde einiges über sie gemunkelt, Karl sollte angeblich rauschgiftsüchtig sein, Sylvia, die ältere litt unter verschiedenen Allergien und Clara , die jüngste, war so spindeldürr, daß sie einmal in der Schule einfach zusammenklappte und in das nächstgelegene Spital eingeliefert wurde. Anorexie? Und das paßte so gar nicht zu dieser "heilen" Welt! Man vermutete, daß er neben seiner Baufirma auch noch Waffen verkaufte, nachweisen konnte man ihm allerdings nichts. Sandra wußte von ihrer Freundin Anna, daß er immer wieder eine Geliebte hatte, die er ein paar Monate im grandiosen Stil aushielt, um sie dann wieder zu verlassen, eine Scheidung kam für ihn nicht in Frage, aus rein finanziellen Gründen: seine Frau besaß die Mehrheit der Baufirma...
Sie war mit Hans zur Polizei gegangen, der Beamte Philipp Stark war sehr hilfsbereit und nett gewesen. Sicher, sie könnte diese Artikelserie über ungeklärte Mordfälle schreiben, er würde ihr helfen, wo immer es ging. Auf die vorsichtige Frage nach Kayser's Tod, murmelte er mit bebender Stimme, daß es irgendwo doch eine Gerechtigkeit gäbe. Mord? Es würde ihn nicht wundern, so wie der gelebt hatte. Nur , man könne in diesem Fall nicht ermitteln, der Minister persönlich hatte sich eingeschaltet, als Heinz den Totenschein ( der ja vom Hausarzt ausgestellt war) angezweifelt hatte. Ihm waren die Hände gebunden.
Warum? Fragte er noch, warum interessierte sie sich für Kayser? Und Sandra hatte ihm von dem eigenartigen Gefühl ihres Chefs erzählt, wonach Philipp über das ganze Gesicht gestrahlt hatte und seine inoffizielle Mithilfe angeboten hatte, obwohl, hatte er noch hinzugefügt, er würde jeden verstehen , der einen solchen Menschen umbringt.... Sichtlich gab es da ein paar offene Fragen , sicher war auch, daß er den Verstorbenen nicht ausstehen konnte!

Sandra saß wieder in ihrer Küche und überlegte, wie es weitergehen sollte, sie hatte ein wenig mit Thomas darüber gesprochen, er ging ja in die selbe Schule , wie Karl, Kaysers Sohn; doch entgegen seiner Art, hatte Thomas, nur irgend etwas von "er wolle darüber nicht reden", gemurmelt und war schleunigst außer Haus gegangen. Seltsam dacht Sandra, so reagiert er nie , irgend etwas stimmt da nicht. Grund Kayser umzubringen hatten viele: seine Frau, die es leid war immer betrogen zu werden, seine Kinder, um die er sich im Grunde überhaupt nicht kümmerte, die eine oder andere Ex-Geliebte, die es ihm nicht verzeihen konnte sitzengelassen zu werden, ein Geschäftspartner in seinen dubiosen Nebenaktivitäten, den er möglicherweise übers Ohr gehauen hatte. Und da war noch ein Jugendfreund, der ihn zutiefst haßte, seit er wußte, daß Kayser sich auch an seine Frau herangemacht hatte. Das war alles so im Widerspruch zu den Artikeln, die sie in der Regenbogenpresse gelesen hatte, daß sie einmal mehr ins Wanken geriet: Phantasie und Realität klaffen wieder einmal auseinander; auf der einen Seite der Familienvater und die Wohlfahrt, auf der anderen eine kaputte Ehe, vernachlässigte Kinder, Affären und Waffengeschäfte .
Sie mußte noch einmal Thomas fragen , was er wußte, sie mußte einmal, unter den Vorwand etwas über die Familiensaga zu publizieren, in Kaysers Haus gehen und mit der Witwe und den Kindern reden.
Clio hüpfte auf den Tisch und schnurrte sie an; Hunger schien sie zu sagen! Und Justus bellte auf einmal wie verrückt! Sie gab Clio ihr Futter und versuchte Justus zu beruhigen, nichts zu machen: er wollte raus, also öffnete sie die Tür und er sprang in den Garten davon und blieb vor einem Baum stehen, rannte dann rund herum, schwanzwedelnd und laut kläffend. Als Sandra hinschaute, entdeckte sie ein junges Mädchen, das auf dem Baum kauerte. Sie konnte sich nicht von ihrer Überraschung erholen, denn Thomas kam keuchend hinter ihr hergelaufen – anscheinend war er wieder zurück, sie verstand gar nichts mehr!
" Warte Mama, ich werde dir alles erklären! Clara, komm' bitte runter von da oben, wieso bist du überhaupt da hinauf?"
Das Mädchen erwies sich als ausgesprochen hübsch. Vielleicht etwas zu dünn, aber sehr hübsch: langes blondes Haar, ein zaghaftes Lächeln um den Mund in den blaßblauen Augen spiegelte sich Trauer und Verworrenheit. Sandra begleitete die beiden in die Küche, setzte Wasser auf, holte einen Kuchen hervor, zündete sich eine Zigarette an und fragte: " Du bist die jüngste Tochter von Herrn Kayser, nicht war? Bist du eine Freundin von Thomas? Kann ich irgend etwas für dich tun?" Das Mädchen antwortete nicht , sah nur Thomas stumm an. Der räusperte sich und erklärte Sandra, daß Clara ganz durcheinander sei; sie hatten sich bei einer Party kennengelernt, sie kamen ins Gespräch und er mochte sie; irgendwie empfand er sich Clara gegenüber als älterer Bruder. Oft gingen sie spazieren und Clara aß wieder etwas mehr, er hatte Angst gehabt, sie könne magersüchtig werden. Aber sie war nur sehr verwirrt, kam mit ihrem Vater überhaupt nicht zurecht und jetzt da er tot war, war sie tagelang nicht außer Haus gegangen, und das hatte Thomas beunruhigt. Er hatte oft versucht anzurufen, doch man sagte ihm immer wieder, daß sie mit niemandem sprechen wolle. Auch er war gespannt, warum Clara zu ihm gekommen war. Was in ihr vorging, warum sie sich ganz zurückgezogen hatte.
_" Thomas.... Thomas! Ich.... ich glaube...., Papa wurde ermordet! Nur ich kann mit niemandem darüber reden! Karl ist kaum zu Hause und Sylvia hat wieder einmal eine schwere Allergie. Meine Mutter, die starrt nur noch vor sich rum!"
_"Clara! Was ist in dich gefahren, wieso kommst du darauf, daß dein Vater ermordet wurde" fragte Thomas
Nun da war auch Sandra gespannt! Kam die Lösung all ihrer Fragen und Überlegungen einfach ins Haus?
_" Weißt du, mein Vater hatte eine panische Angst vor Katzen, das wußten nur wir, er hat sich sehr darüber geschämt, und ich bin mir sicher, in der Nacht, als er starb, habe ich eine miauen gehört."
_" Ja und? " erwiderte Thomas " Ich sehe keinen Zusammenhang!"
_" Doch, da muß einer sein! Es ist unmöglich, daß eine Katze von alleine ins Haus kommt. Und da waren doch diese seltsamen Besprechungen meiner Mutter mit einer Reihe von Frauen, die ich noch nie gesehen hatte, und ich durfte da nicht ins Wohnzimmer gehen, sie redeten immer sehr leise, das ganze kam mir damals schon komisch vor, irgendwann hörte ich das Wort "Katze" und dann "das ist die Lösung!" Als ich meine Mutter ausfragte, wer diese Frauen seien ,sagte sie mir nur, das wären Bekannte von meinem Vater."
_" Clara, meinst du im Ernst, deine Mutter hätte etwas damit zu tun?"
_"Ja ! Und das macht mir Angst! Ich mag sie sehr, und wenn da etwas herauskommt... Aber andererseits kann ich mir das auch nicht vorstellen: meine Mutter eine Mörderin!"
Sandra fiel auf, daß das Mädchen überhaupt kein Bedauern bezüglich des Todes ihres Vaters äußerte. Sie wußte nicht, wie sie dem Mädchen helfen konnte. Das Wasser kochte und sie bereitete Tee, da läutete es an der Tür. Es war Philipp.
_" Hallo! Ich wollte mal vorbeischauen und fragen, was es neues gibt, in deinen Recherchen Sandra! Und dann muß ich dir unbedingt sagen, daß dein Chef wahrscheinlich recht hat! Es war Mord! Ein Mafia Mord , wie es mir scheint!" Der hat mir jetzt noch gefehlt !dachte diese, und stimmt, sie hatten sich ja einmal getroffen , hatten beschlossen sich zu duzen und sie hatte ihm vorgeschlagen, er solle doch mal vorbeischauen, wenn er etwas herausfinden sollte...
_" Nicht so laut Philipp! Clara, Kaysers Tochter sitzt in der Küche!" Mafia dachte sie, wieso Mafia?
_ "Aber ich muß es dir einfach sagen! Das glaubt kein Mensch!" Und dann flüsterte er ihr ins Ohr:
_" Eines ist sicher, wenn es Mord war, dann war die Mordwaffe eine Katze!"
_"Waaaas??? " schrie Sandra. "Eine Katze!" Jetzt schlägt's dreizehn dachte sie!
Sie bat ihn herein .
„ Clara! Das ist Philipp! Er arbeitet bei der Kripo und hat etwas herausgefunden; anscheinend brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Aber Philipp soll uns das selber erzählen, ich bin auch schon gespannt was es Neues gibt. Komm Philipp, nimm Platz! Magst du etwas zu trinken?"
„Tja ein Kaffe wäre nicht schlecht!"
„Ok! Ich stell’ gleich einen zu! Aber nun erzähl’ uns einmal ,was du herausgefunden hast!"
Und Philipp setzte sich hin und erzählte . Er hatte sich ein bißchen umgehört, in der Stadt und war auf einen Mann gestoßen, der ihm folgendes berichtet hat:
Kayser war schon seit längerem in Waffengeschäften beteiligt gewesen. Man konnte ihm nie etwas nachweisen, weil ihr immer verdeckt, mit Mittelsmännern und Scheinfirmen in Luxemburg arbeitete. Doch der eine Mann in Luxemburg wurde wütend über Kayser, weil dieser, um sich zu schützen und nicht selbst in Verdacht zu geraten, seinen Neffen bei der Polizei über Umwege verpfiffen hatte. Dieser Mann heißt Carlo Monti und stammt aus .... Sizilien! Er hatte sich geschworen Aldo, seinen Neffen zu rächen, das heißt die wahre Identität des Mannes herauszufinden, um ihn dann umbringen zu lassen.
„ Die ganze Geschichte ist über 3 Jahre alt" sagte Philipp, „ihr könnt euch vorstellen, wie schwer es war Kayser mit Waffenschieberei in Verbindung zu bringen. Uns ist es nicht gelungen" fügte er kleinlaut bei!
Monti fand nun heraus, daß Kayser derjenige, welcher war. Er brauchte zwei Jahre dazu. Danach überlegte er , wie man ihn beseitigen könne, ohne daß es wie Mord aussah... Das war schon schwieriger, denn man kam eigentlich an Kayser nicht heran, es sei denn ... eine hübsche Frau....? Kayser hatte ja unzählige Freundinnen, die kamen und wieder gingen. Sie machten ihn mit einer für Monti arbeitenden Dame bekannt. Sie blieb drei Monate mit ihm zusammen. So fanden sie heraus, daß er auf Katzen äußerst allergisch ist. Sie warteten ab, bis er so richtig überarbeitet war und brachten dann, mit Hilfe eines eingeschleusten Gärtner Gehilfen, eine schwarze Katze in sein Schlafzimmer. Er starb in Folge eines Herzversagens, die Katze wurde nie gefunden.
„ Aber dann war es nicht meine Mutter!" rief Clara.
„Wieso deine Mutter?" fragte Philipp.
In kurzen Worten erzählte ihm Sandra Claras Befürchtungen.
„Na so was!" schrie Philipp auf! „Seltsam, gleich zwei Personen Gruppen , die Kayser nichts gutes wünschten, mehr noch, die ihm den Tod wünschten. Ich frage mich eigentlich, ob ich da überhaupt mit meinem Chef reden soll oder nicht. Der Minister wollte ja ohnehin nicht, daß wir ermitteln. Eigentlich, wenn ich mir das überlege, kein Mensch hat von Mord geredet, Kayser ist längst begraben, und Monti krieg’ ich schon noch auf andere Weise!"
Sandra erwiderte gar nichts. Sie mußte ja auch noch mit Hans und seinem Chef reden. Kommt Zeit, kommt Rat. Eines war sicher, das mußte sie gut mit Philipp besprechen in den folgenden Tagen, sie mußten den gleichen Weg gehen: entweder veröffentlichen.... oder auch nicht!
„Na siehst du Clara! Jetzt brauchst u dir keine Sorgen mehr zu machen. Das ganze hat wahrscheinlich nichts mit deiner Mutter zu tun! Vielleicht haben sie nur so über die allergische Reaktion deines Vaters auf Katzen gesprochen! Bleib’ noch ein bißerl’ da und dann kann dich Thomas nach Hause fahren!"
„Philipp! Ich muß noch mit Hans reden und seinem Chef! Ich kann dir nicht versprechen ,daß ich nichts schreiben werde.!"
„Na das überlasse ich dir. Aber ich hoffe du bist dir im Klaren, daß ich alles dementieren werde!"
„Ist mir schon klar! Würde auch keine Quelle nennen!"
Sie plauderten noch über belangloses Zeug, dann ging Philipp wieder.
Sandra ging nachdenklich durch den Garten, von Justus und Clio gefolgt. Sie wußte nicht, wie sie sich verhalten solle. Es war ein Mord. Entweder die Mafia oder diese Ansammlung an Frauen , sie vermutete es waren Ex - Freundinnen.
Man konnte doch nicht einen Mord totschweigen. Sie mußte über das Wort „totschweigen" lächeln , es war wohl angebracht! Na ja! Erst Mal Abendessen herrichten, Hund und Katz füttern, mit Hans reden und darüber schlafen. Morgen war auch noch ein Tag! Langsam ging sie in das Haus zurück.


**********


„Hans! Ich muß mit Dir reden!"
„Du bist aber aufgeregt, Sandra! Guten Morgen übrigens!"
„’Tschuldige! Guten Morgen! Ich habe dir etwas zu erzählen und ich brauche deinen Rat! Könnten wir uns in , sagen wir zwei in Stunden im Landmann treffen?"
„ Ja das geht in Ordnung! Sorry aber ich hab’ jetzt wenig Zeit! Bis dann!"
„Bis dann Hans!"

Am vergangenen Abend hatte sie noch ein langes Gespräch mit Thomas geführt. Er hatte ihr so einiges über die Clara und ihrer Familie erzählt. Dieser Kayser war mit allen Wassern gewaschen! Das mußte man ihm lassen! Doch nach jedem Auftritt, hinterließ er Spuren der Verzweiflung. Seine Kinder waren das , was sie als „Wohlstandsverwahrlost" bezeichnete. Sie wurden mit Geld vollgestopft, aber es mangelte an Liebe, Kommunikation und Geborgenheit. Obwohl Frau Kayser sicherlich ein einfühlsamer Mensch war, konnte auch sie den Kindern , nicht das geben, was diese brauchten; sie hatte nach der Geburt der Jüngsten erkannt, was für ein Mensch ihr Mann eigentlich war, litt unter Depressionen, wollte sich scheiden lassen, dann wiederum nicht, weil sie nicht wußte wie sie es eigentlich schaffen könnte ihren Anteil aus der Firma herauszuholen - ihr Mann würde sicherlich den besseren Anwalt haben etc...Sie hatte ganz einfach nicht die Kraft dazu gehabt , und dann war es zu spät gewesen. Meinte sie. Sandra war entsetzt gewesen so etwas zu hören. Sie war immer der Meinung gewesen: Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.
Thomas sagte, daß nach dem ersten Schock, eigentlich alle erleichtert waren, bis auf Clara eben, die diesen Verdacht auf ihre Mutter hegte... er verstehe es irgendwie, aber andererseits eben doch nicht! Erleichtert , weil der Ehemann, beziehungsweise Vater gestorben war, ja sogar fast froh darüber? Sandra erklärte ihm, daß es da eigentlich nichts zu verstehen oder zu billigen gab: es war einfach so. Thomas hatte Einblick in eine Welt bekommen, von der er nichts ahnte, er könne nur trachten Clara ein guter Freund zu sein, zu ihr zu stehen, sie ablenken, sie öfters einladen etc.... Thomas war dann irgendwie verwirrt und sehr nachdenklich zu Bett gegangen!

Im Landmann angekommen, hielt sie nach Hans Ausschau, sah ihn aber nicht! Kein Wunder: sie war wieder mal zu früh da, nach dem Motto: ich hasse es zu warten, also tue ich das keinem anderen an. Sie zog ein Buch aus ihrer Tasche und hatte erst ein paar Seiten darin gelesen, als Hans schon kam.
„Hi Sandra! Schön dich zu sehen!"
„Grüß dich Hans! Bist ja über pünktlich!"
„ Ich weiß ja , daß du überall hin zu früh kommst!"
Sandra berichtete Hans über die gestrigen Ereignisse. Er war erstaunt, doch mehr nicht. Sie war etwas enttäuscht, denn sie hatte erwartet, daß diese Nachricht , Mord mit einer Katze, ihn vom Sessel werfen werde.
„ Sag Hans! Warum bist du so wenig erstaunt? Ich meine, ich berichte dir brühwarm eine Story über eine sehr wahrscheinlichen Mord , dessen Tatwaffe, wenn man so sagen kann eine Katze ist, und du zuckst nicht mal mit der Wimper!"
„ In der Früh war ich beim Chef. Er bat mich zu sich, weil er mir etwas „streng Geheimes" berichten wollte. Auch er hat Nachforschungen angestellt, warum weiß ich eigentlich nicht. Er hat mir haargenau das gleiche erzählt wie du. Mit einer Ausnahme: laut seiner Quelle ( und ich kann mir denken, daß es sich um die Staatsanwaltschaft handelt, wurde der Mord durch eine Jugendbande verübt, weil er nicht nur Waffen geschoben hat, sondern auch im Rauschgift Schmuggel tätig war....."
„ das darf doch nicht wahr sein! Auch das noch! Und bringen wir die Story?"
„Nein! Unmöglich! Gewisse hochrangige Herrschaften wollen es nicht! Und du weißt ja , wie es mit der sogenannten Pressefreiheit steht! Außerdem, ich weiß nicht recht: wem bringt es etwas? Der Gerechtigkeit? Nein. Der Öffentlichkeit? Auch nicht! Der Familie? Der schon gar nicht, die müssen sich erst mal erholen!"
„ Ist vielleicht eh besser so! Aber ein Mörder, oder besser gesagt mehrere, denn wenn, dann waren ja auf jeden Fall ein paar Personen involviert, läuft frei herum! Eigentlich... und ich hätte nie gedacht so etwas je zu sagen: eigentlich war der Mord - wenn es wirklich einer war, was wir ja letztendlich nie erfahren werden - gerecht ! Ich weiß, es kann gar keinen „guten" Grund für Mord geben, aber sagen wir: ich verstehe ihn. Lassen wir es eben bei „sanft entschlafen... Einstein hatte ja doch recht: es ist wirklich alles relativ!"



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© S.W.H.