Der Begriff des Aszendenten im Tetrabiblos von Ptolämeus

Yves Lenoble

 

Der Begriff "Aszendent" der vor zwei Tausend Jahren mit den Griechen auftauchte , ist in der Astrologie von zentraler Bedeutung. Ich schlage ihnen nun vor ihn im Tetrabiblos von Ptolemaeus zu studieren, ein Werk das als Referenz in der Astrologie seit über fünfzehn Jahrhunderten angesehen wird.

Der Aszendent wird des öfteren im Tetrabiblos erwähnt. Die zwei am häufigsten benutzten Wörter, um ihn zu bezeichnen sind "anatellô" und "horoscopos". " Man findet im Kapitel, das den männlichen und weiblichen Zeichen gewidmet ist (Buch I, Kap 13) diese zwei Wörter - was selten ist - nebeneinander: das Zwölfte, das aufsteigt wird "Horoscopos" genannt.

Dieser winzige Satz ist sehr lehrreich!

Erste Lektion: man sieht , daß der Aszendent dem "das aufsteigt" entspricht. In diesen Satz, den wir kommentieren, ist es das zwölfte, das aufsteigt; woanders kann es ein Planet oder Sterne sein, die aufsteigen. Das Wort "anatellô" unterstreicht gleich doppelt das "aufsteigen". Die Wurzel "tellô" heißt ja "aufsteigen" und, "ana" zeigt eine Bewegung von unten, nach oben. Und das findet man in der Idee des "Aufsteigen" in dem Wort Aszendent wieder.

Die Griechen sind darauf gekommen, daß die Zeichen nicht dieselbe Zeit brauchen, um aufzusteigen. Sie unterscheiden Zeichen, die eine lange Aufstiegszeit haben( vom Krebs bis zum Schützen) von denen die eine kurze haben( vom Steinbock bis zum Zwilling).

Da sie ebenfalls beobachtet haben, daß die Dauer des Aufsteigens nach Breitengraden variiert, haben sie Tabellen für elf verschiedene Breitengrade ausgearbeitet. Jede unter ihnen gibt an, wieviel Zeit jedes Drittel des Zeichen (jedes Dekanat)braucht, um aufzugehen. Es ist interessant festzustellen, daß der Begriff von "anaphora", der die Dauer des Aufstiegs eines Zeichens bezeichnet, manchmal im Sinne des Aszendenten ebenso "anatellô" benutzt wurde.

Zweite Lektion: Was sich erhebt(aufsteigt), wurde meistens weder mit dem Zeichenkonzept (zôdion oder sèmeion), noch mit dem des Hauses (topos), sondern mit dem Konzept des Zwölften (dôdekatèmorion), das gleichzeitig Zeichen und Haus bedeutet, in Äquivalenz gestellt. Dies bestätigt, daß Ptolemaeus die Radixe interpretiert, indem er das zodiakale Häusersystem benutzt.

Wir sind es nicht mehr gewohnt, den Aszendenten mit einem Zeichen und einem Haus in Verbindung zu stellen, sosehr ist es in unserer Zeit üblich den Aszendenten als den Grad auf der Ekliptik zu bezeichnen, der im Osten aufsteigt. Und in der Tat wird der Schwerpunkt seit etwa fünfzig Jahren auf der Suche des Hauptplaneten gelegt, der in der Nähe eines Winkels angesiedelt ist. Aber während zahlreicher Jahrhunderte hat der Aszendent Haus 1 entsprochen, und ursprünglich, war ein ganzes Zeichen mit diesem Haus 1 verbunden.

Dritte Lektion: das Zwölfte, das aufsteigt, wird "Horoscopos" genannt. Man tut sich schwer im französischen dieses Wort "Horoskop" zu benutzen, seit es in den dreißiger Jahren entstellt worden ist, durch die Medien die sich seiner in den Vereinigten Staaten wie in Europa ermächtigt haben. Jedoch ist dieser Begriff (mit jenem der Sonne und des Mondes), wahrscheinlich jener, der am häufigsten im Tetrabiblos erwähnt wird. Die Griechen hatten jedem Haus einen Namen gegeben. Ptolemaeus bezeichnet Haus 1 durch den gewöhnlich benutzten Begriff: "Horoscopos". Auf dieselbe Art und Weise benennt er im Kapitel, das der Dauer des Lebens gewidmet ist (Kapitel 11 des III Buches), die gebräuchlichen Begriffe mehrerer Häuser. So benennt er:

. Agathos Daimon (guter Geist), das Haus auf der Rechten im Sextil zu Haus 1 (es handelt sich um das Haus XI)

. Theos (Gott), das Haus im Trigon (es handelt sich um das IX Haus).

. Kakos Daimon (schlechter Geist) das Haus, das vor Haus 1aufsteigt (es handelt sich um das Haus XII).

Das "Horoscopos" hat die ganze Kraft eines Winkels, eines "Zentrums"("centron "bedeutet" Stachel ), Begriff, den Robert Schmidt durch "Angelpunkt" übersetzt hat. Seitdem, entwickelt sich die ternäre und quaternäre Struktur des Radix.

Soll man "Horoscopos" übersetzen? Im allgemeinen übersetzt man es als "der die Stunde untersucht" oder "der die Stunde beobachtet". Robert Schmidt schlägt folgendes vor :"marking the hour". Der Lateinische Autor Firmicus Maternus hat den griechischen Begriff so wie er war, wieder aufgenommen. Schade, daß wir nicht ebenso vorgehen können. Notfalls eignet sich der Begriff Aszendent, als Akzeptieren des aufsteigenden Zeichens ganz und gar.

Das Leben und das Licht, die aus Haus 1 hervorquellen, finden sich in den Häusern wieder, die in geradem Sextil und im geraden Trigon sind, nämlich das XI und das IX (entgegen seiner Zeitgenossen, bevorzugt Ptolemaeus die höheren Häuser und also die geraden (rechten) Aspekte). Das Zeichen im Quadrat zum Aszendenten (X) ist ebenfalls mächtig, denn es gehört zur selben kardinalen (mobil),fixen (fester Körper) oder veränderlichen (bicorporellen) Struktur, wie der Aszendent. Im Gegensatz dazu, haben Haus VIII und XII ohne Aspekt zum ersten Haus eine umgekehrte Bedeutung ,als jene von Haus 1. Die "dunkle" und "todbringende" Seite dieser Häuser unterstreicht die Kraft des Lebens und die Ausstrahlung des Aszendenten durch den Kontrast.

Bevor wir die vorausschauende Dimension zur Sprache bringen, kommentieren wir doch den Ausdruck "wie ein Aszendent", der wiederholt im dritte Buch vorkommt. Man weiß, daß es in der indischen Astrologie möglich ist, aus einem Radix, andere Geburtshoroskope abzuleiten. Das gleiche gilt bei den Griechen. Ptolemaeus zeigt uns zum Beispiel, wie man aufgrund des Geburtshoroskops Informationen über den Vater oder die Mutter erhalten kann. Bei einer Tagesgeburt sind die Sonne und Venus Signifikatoren für den Vater bzw. für die Mutter (bei einer Nacht Geburt sind es der Saturn und der Mond). Das Zeichen, wo sich der Signifikator des Vaters oder der Mutter befindet, wird das erste Zeichen, das heißt, daß es "wie ein Aszendent" wird. Man interpretiert dann das neu erhaltene Radix auf dieselbe Art und Weise wie ein Geburtshoroskop(Radix). Es handelt sich, wie man es sieht, um ein abgeleitetes Radix.

Ptolemaeus bringt in Kapitel 2 von Buch III den vorausschauenden Teil zur Sprache. Er gibt an, wie man die Bestimmung des aufsteigenden Grads durchführt, der als Ausgangspunkt einer ganzen Kategorie von Voraussichten dient.

Die erste Etappe besteht darin, den Aszendenten in Anbetracht des Datums, der Stunde und des Geburtsorts präzis zu berechnen. Auf der Wortschatz-Ebene gebraucht Ptolemaeus das Wort aufsteigen (anatellô) oder den Ausdruck, "was am Horizont (anatolikè horidzôn) aufsteigt". Die zweite Etappe besteht darin, das Neumond- oder Vollmond Horoskop zu berechnen, das der Geburt vorausgegangen ist, und den Hauptplaneten des genauen Grads dieser Syzygie zu entdecken.( Wenn es sich um den Vollmond handelt, benutze man das Licht oberhalb des Horizontes). Es ist der Grad dieses Hauptplaneten, den Ptolemaus als den Grad des Aszendent ansieht.

Der Aszendent ist im vorausschauenden Bereich mit der Sonne und dem Mond, Haus X und dem Glückspunkt, einer der fünf Hauptpunkte (Signifikatoren) des Radix. Wenn der Glückspunkt die Güter und den Besitz betrifft, die Sonne die Würden und der Ruf, der Mond die Leidenschaften der Seele und die ehelichen Verbindungen, der MC Aktionen, die Freundschaften und die Sprößlinge, so betrifft den Aszendenten (Horoscopos) alles, was mit dem Körper, der Gesundheit und den Reisen verbunden ist.

Die Bewegung der Planeten während der ersten Stunden des Lebens hinsichtlich dieser fünf Punkte wird erlauben, das jeweils verschiedene "Ambiente" festzulegen, das je nach Zeit in diesen verschiedenen Bereichen vorkommen wird, und der Aszendent, der insbesondere die Gesundheit, das Befinden, die Reisen betrifft.

Ptolemaeus benutzt für diesen vorausschauenden Teil auch nicht das zodiakale Häusersystem (domification), aber das System nach dem Halb- Tagbogen. Dieses Häusersystem zergliedert die Bewegung der Erde in zwölf, sowohl auf der Raumebene als auch auf der zeitlichen Ebene. So bedeutet das, daß wenn ein Planet sich auf der Spitze von XII befindet, er 1/6 seines Tagbogen (30°bogen) in 1/6 der Zeit seiner Anwesenheit über dem Horizont durchgeführt hat, (Zeit, die zwischen dem Aufsteigen und dem Senken eines Sterns verläuft).

Die Astrologie wird während der mittelalterlichen Periode eine große Wende erfahren. Denn man beginnt nun das Häusersystem (domification) nach dem Halb- Tagbogen, das bis dahin nur auf vorausschauender Ebene verwendet wurde, auch für die Interpretation des Radixes zu benutzen. Ptolemaeus zeugte von einem scharfsinnigen Gleichgewicht zwischen dem ternären und dem quaternären. Mit dieser Modifikation erscheint eine beträchtliche Änderung, die meiner Meinung nach die steigende Bedeutung des quaternären auf Kosten des ternären zeigt... Magini und Placidus werden im XVII. Jahrhundert detailliertere Tafeln schaffen als jene von Ptolemaeus (360 Unterabteilungen anstatt 36), was die Verbreitung dieses Häusersystems begünstigen wird. Wie man es sieht, ist das Placidus Häusersystem nur die Wiederaufnahme eines der zwei Systeme, die von Ptolemaeus benutzt wurden.

Aber wie kann man das eine hinsichtlich des anderen der zwei durch Ptolemaeus benutzte Systeme plazieren? Das zodiakale System wird auf dem aufsteigenden Zeichen zentriert und führt die Teilung in 12 gegenüber diesem Aszendenten durch. Das System nach dem Halbtagbogen erlaubt, die Teilung in zwölf hinsichtlich jedes einzelnen Planeten durchzuführen. Im ersten Fall wird der Schwerpunkt auf den Tierkreis gelegt, der Aszendent zeigt, wo für den Geborenen der Tierkreis beginnt; im zweiten Fall wird der Schwerpunkt auf die Planeten, die Spitzen der zwölf Häuser gelegt, die erlauben, zu entdecken in, welche Häuser jeder der Planeten sich befindet. Im ersten Fall sind Zeichen und Häuser übereinanderlegt. Im zweiten Fall drängt sich die Unterscheidung zwischen der Position des Planeten in Zeichen (Länge), und in Häusern (domitude) auf.

Schlußfolgerung

Der Begriff "Aszendent" umfaßt zwei sehr verschiedene Konzepte, die Ptolemaeus völlig unterschied. In einem gewissen Zusammenhang ist er synonym mit aufsteigendem Grad: in diesem Fall ist es das Wort aufsteigen (anatellô), das benutzt wird. Dieser präzise Grad dient zum Beispiel der Zeitbestimmung der Ereignisse als Ausgangspunkt, was das Physische und die Reisen betrifft. Er bezieht sich in einem anderen Zusammenhang auf das aufsteigende Zeichen; es ist das Wort "Horoscopos", das in diesem Fall benutzt wird. Es entspricht dem Zeichen, das Haus 1 besetzt: dieses "Zwölftes", das der "Schlußstein" des Radix ist, orientiert und bestimmt seine ganze Interpretation.

© Yves Lenoble (Original)

© S.W.H. für die Übersetzung

Bibliographie

Bouché-Leclercq A., L’astrologie grecque, Leroux, 1899

Lenoble Y., De la domification zodiacale à la domitude in Actes du congrès Sep Hermès sur les maisons, 1998

Ptolémée C., Tetrabiblos, (traduction de Robbins), Loeb, 1940

Ptolémée C., Tetrabiblos (Livre I,III,IV), Project Hindsight, (traduction de R. Schmidt) 1993-1998

Ptolémée C., l’Almageste (traduction de Halma), Henry grand,1813

 

 

 

 

 

 

 

 

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